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Der nachfolgende Text erschien in Neue Keramik 11/2008.

Perfekt Unperfekt

Perfekt Unperfekt
über die Keramikerin Julia Beyer

von Marion C. Schmidt

Verschnörkelte, aufeinander gestapelte filigrane Tonfäden, zwei Bienenstöcke für Wespentaillen als Lehnen. Zwei Meter misst und 130 Kilo wiegt er, der Thron. Bis zu seiner Fertigstellung beschäftigte sich Julia Beyer zwei Jahre intensiv mit ihrem bisher größten Werk. Wer spekuliert ob sie böse wird, wenn man droht, sich mit einem mitgebrachten Zepter auf den Thron zu setzen und Privataudienzen abzuhalten oder die Opium-rauchende Raupe aus Alice im Wunderland samt Shisha zu imitieren, wird überrascht sein. Ihre Werke beabsichtigen keinen Abstand zum Betrachter, im Gegenteil. Bei Gelegenheiten wie der im März 2008 zu Ende gegangenen Ausstellung in der Galerie Keramikum in Darmstadt könnte sie einem möglicherweise gestatten, Türkischen Honig von dem zum Werk gehörenden skulpturalen Geschirr zu essen und starken Schwarztee daraus zu trinken.

Auch andere Werke der Keramikerin, wie die in Gloria Hasses Galerie ausgestellten Teller und Platten, reflektieren die gewünschte Nähe der Kunst zum Publikum. An ihrem Rand findet man ab und zu barocke, schleifenartige, dreidimensionale Tonagglomerationen. Breite, transparente Pinselstriche werden von feinen, aber bestimmten Linien und Mustern in kräftigen Farben begleitet, sie erscheinen wie hüpfende Punkte, lose in eine Perlenkette aufgezogen. Ursprünglich wollte Julia Beyer kein Geschirr "töpfern". Dann wohnte und arbeitete sie acht Monate bei Sandy Brown in Appledore in der englischen Grafschaft Devon. Für Sandy ist der Übergang zwischen Kunst und Kunsthandwerk fließend. Geschirr ist Gebrauchsgegenstand, aber auch Kunst. Bei entsprechender Qualität sind Objekte mit praktischem Zweck der Kunst, beispielsweise Gemälden, ebenbürtig. Sie hängen nur nicht an der Wand, sondern stehen auf dem Tisch. Julia Beyers Werk erbittet Aktivität vom Betrachter. Ganz minimalistisch, ein mentales Dehnen im eigenen Interesse: Sieh's weniger eng! Oder ambitionierter: Verändert sich die Perspektive nicht, verändere die Perspektive selbst. Die zwischen rund und oval schwankenden, wellig und divers verzierten Werke, wie z.B. die Platten mit ihrem spärlich, aber pointiert platzierten Dekor oder die schneckenförmigen, fast hypnotisierenden Details am Thron und dem zugehörigen Geschirr sagen: Der Künstlerin sind rechte Winkel und Kanten zuwider. "Stimmt", meint sie.

Wichtig war ihr schon immer, Keramik zu nutzen, um sich mit schönen und doch praktischen Dingen zu umgeben, den Alltag aufzuwerten und Lebensräume zu schaffen. Sie nutzt Ton, weil er lebendig ist, man ihm seinen ehemals weichen Charakter und die Veränderung, die er im kreativen Prozess durchläuft, ansieht. Die in der Schaffensphase ausgefilterten angenehmen Aspekte der Impressionen werden unters Mikroskop gelegt. Ihre Kunst zeigt dem Betrachter: Wie in der Natur ist in unserer Kultur auch ohne Ecken und Kanten alles in bester Ordnung. Die organischen Formen ruhen in sich, strahlen sinnlich und schön. Bei ihrem Anblick fühlt man sich warm und geborgen und schließt mit dem Schiefen und Krummen in einem selbst Frieden. Plötzlich sind gerade diese Züge unglaublich schön, einzigartig und vollkommen, denn es ist der eigene Charakter: perfekt unperfekt.

In den von der Künstlerin gestalteten Räumen gelten neue, eigene Definitionen und Regeln zum Wohlfühlen und für Ästhetik. Aber sie operiert nicht im Vakuum, sondern in einem Kreislauf des Austausches mit der intellektuellen Umwelt und der Realität. Sie schöpft aus allen Künsten, der Geschichte und der Gegenwart sowie in dem, was sein könnte, Inspirierendes. Sie beschränkt sich nicht auf die Keramik als einzige Ausdrucksform, sondern findet immer auch Bereicherung und Ausgleich in anderen Spielarten der Kunst.

Seit fünf Jahren wohnt sie wieder in München, seit Februar 2006 entstehen in einer Werkstatt auf dem Gelände der ehemaligen Pfanni-Werke ihre Keramiken. Wie sie im kreative Prozess vorgehe? In ihrer Werkstatt fragt sie sich als erstes, "Was fehlt mir noch?" Einfach, sagt sie, aber auch ehrlich. In meinen Augen ist ihre Kunst auch von anthropologischer Bedeutung. Desmond Morris, ein britischer Biologe, interpretiert die Parks in den Städten oder die an Wände von Plattenbauten gesprühten Graffitis als einen Drang des Menschen, sich in der rasend voranschreitenden Zivilisierung und der damit verbundenen Sterilität und Kultiviertheit die Vielfalt der währenddessen verloren gegangenen Flora und Fauna zurück zu holen. Genau wie Julia Beyer.

Die Künstlerin gewann durch ihren Aufenthalt in Appledore an Selbstbewusstsein. Sie ist entspannter, aber auch ambitionierter; dem Ziel, Lebensräume zu schaffen, näher. Das Umsetzen der Ideen gelingt besser. Sie denkt nicht nur darüber nach, etwas zu tun, sie probiert es. Ihre Werke wachsen, einerseits bedingt durch die mittlerweile zehnjährige Arbeit mit Ton, vorwiegend Steinzeug. Sie kennt seine Grenzen, was man ihm abverlangen kann und fordert das Material heraus. Sie möchte neue Orte erobern: Große Gärten um alte Häuser oder Parks. Das Material fordert aber auch sie heraus. Man sieht den Stücken den kreativen Prozess an. Mühsal und Zwang auf dem Weg zum Ergebnis hinterlassen ungewollte Spuren. Deshalb ist es ihr wichtig, einfache Lösungen zu finden, den vom Genuss geleiteten Weg das Ergebnis bestimmen zu lassen, keine zwingenden Vorstellungen zu entwickeln. Die Künstlerin läuft parallel zur Entwicklung ihres Werkes, arbeitet mit ihr und den erwarteten Zufälligkeiten, reagiert und interagiert. Mit dieser Einstellung wird Julia Beyer im Oktober 2008 für ein halbes Jahr nach Neuseeland reisen, um bei Künstlern zu wohnen, zu lernen, und sich auszutauschen. Sie gönnt dem Plan Spontaneität. Zufälligkeiten und Spielerisches entfaltet sich nicht am Reißbrett. Ich denke an den chinesischen Konzeptkünstler Ai Weiwei und seine Skulptur "Template". Kurz nach Beginn der Documenta 2007 fiel sein aus alten Türen bestehender Pavillon durch ein Unwetter in sich zusammen und Ai entschied sich gegen den Wiederaufbau. "Template" gefalle ihm nun besser. Julia Beyer durchläuft und schätzt die gleiche Natürlichkeit im kreativen Prozess. Perfekt unperfekt.

Marion C. Schmidt ist freie Autorin und Übersetzerin. Sie lebt in Stuttgart.

bahnhofsgakerie
Julia Beyer: In the Greenhouse
Julia Beyer: Frühwerke
ausstellung januar 2009
ausstellung februar / märz 2008
ausstellung august 2005
ausstellung oktober 2004
ausstellung august 2004
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